Lexikon · Sicherheit und Consent
Einvernehmlichkeit
Der deutsche Rechtsbegriff dafür, dass jede sexuelle Handlung vom erkennbaren Willen aller Beteiligten getragen ist.
Einvernehmlichkeit bedeutet, dass jede sexuelle Handlung vom erkennbaren Willen aller Beteiligten getragen ist — und zwar in dem Moment, in dem sie stattfindet. Der Begriff ist die deutsche, rechtlich verankerte Entsprechung dessen, was in der Produktionspraxis Consent heißt.
Der Unterschied zwischen beiden ist keine Wortklauberei. Consent beschreibt, wie am Set kommuniziert wird. Einvernehmlichkeit beschreibt den Maßstab, an dem im Streitfall gemessen wird, was dort geschehen ist. Das eine ist Arbeitshaltung, das andere ist Beweisfrage.
Der Maßstab des deutschen Sexualstrafrechts
Das deutsche Strafrecht stellt seit der Reform des Sexualstrafrechts auf den erkennbaren entgegenstehenden Willen ab. Maßgeblich ist also nicht, ob sich jemand gewehrt hat, sondern ob erkennbar war, dass er die Handlung nicht wollte. Ein Ja von gestern trägt eine Handlung von heute nicht.
Für den Dreh folgt daraus etwas Unbequemes und zugleich Entlastendes: Ein unterschriebener Vertrag macht keine Handlung einvernehmlich, die im Moment des Drehens nicht gewollt war. Kein Modelvertrag der Welt kann eine Zustimmung im Voraus für alles erteilen.
Was Dokumentation dann überhaupt leistet
Wenn die Unterschrift den Willen im Moment nicht ersetzt: Wozu dann Papier? Weil Dokumentation nicht die Zustimmung erzeugt, sondern zeigt, worüber gesprochen wurde. Sie beantwortet die Frage, was vereinbart war, bevor jemand vor der Kamera stand.
Drei Dokumente greifen dabei ineinander: die Einwilligung in Aufnahme und Veröffentlichung, der Modelvertrag mit Leistung und Gage und die unterschriebene Grenzenliste. Das dritte ist das, was in vielen Produktionen fehlt.
Warum die Grenzenliste beiden Seiten dient
Eine unterschriebene Liste schützt dich, weil sie eine Behauptung in eine Vereinbarung verwandelt. Ohne sie steht im Konfliktfall deine Erinnerung gegen die des Sets. Mit ihr gibt es ein Dokument, das vor dem Dreh datiert und von beiden Seiten gegengezeichnet wurde.
Sie schützt aber auch die Produktion, und das ist der Grund, warum seriöse Häuser darauf bestehen. Eine Produktion, die belegen kann, dass Grenzen vorher schriftlich abgefragt, dokumentiert und eingehalten wurden, steht bei einem späteren Vorwurf anders da als eine, die sich auf mündliche Absprachen beruft.
Genau deshalb ist die Liste bei uns nicht Beiwerk, sondern Bestandteil des Vertrags. Wie sie ausgefüllt wird, steht im Beitrag Grenzen festlegen.
Worauf du beim Unterschreiben achtest
Verlange, dass Änderungen am Drehtag ebenfalls schriftlich festgehalten werden, und sei es handschriftlich auf dem Ausdruck mit Datum und beiden Unterschriften. Mündliche Zusagen am Set sind nicht wertlos, aber sie sind später schwer zu belegen.
Misstrauisch machen sollten dich Formulierungen, die dir pauschal jede weitere Handlung abnehmen wollen, etwa eine Zustimmung zu allem im Rahmen der Produktion. Solche Klauseln sind selten hilfreich und tragen die Einvernehmlichkeit ohnehin nicht.
Dieser Eintrag ordnet die Begriffe ein und ersetzt keine Rechtsberatung. Wenn es um einen konkreten Vertrag oder einen konkreten Vorfall geht, gehört der Fall zu einem Anwalt.
Offene Frage dazu?
Begriffe erklären das Was, nicht immer das Wie im eigenen Fall. Wenn du wissen willst, was das konkret für dich bedeutet, frag uns — daraus muss keine Bewerbung werden. Viele Antworten stehen schon bei den häufigen Fragen.